Die Ringvorlesung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist erfolgreich zu Ende gegangen. Sie bot ein dichtes Programm, das Mary Shelleys Roman als Prisma für die drängenden Fragen unserer Zeit nutzte – und fand dabei beeindruckende Resonanz: Von konstant zahlreichen Teilnehmenden pro Termin bis hin zu intensiven Diskussionen zeigt sich ein großes öffentliches Interesse daran, wie Literatur, Geschichte und Philosophie beim Verstehen technologischer Transformation helfen.
Von Natur und Klima zu künstlicher Intelligenz

Den Auftakt bildete der Vortrag von Dr. Julia Wiedemann (23. April), die Frankenstein in seinen romantischen Kontext einordnete. Über 30 Interessierte verfolgten den Vortrag – teils vor Ort im Georgianum, teils per Zoom – und beteiligten sich danach rege an der Diskussion mit Nachfragen zur Entstehungsgeschichte des Romans und zu späteren Adaptionen. Wiedemann zeigte, wie Shelleys Roman in Debatten über Natur und menschliche Hybris verwurzelt ist – prägnant zusammengefasst im Motto der Veranstaltung: „Climate change is the monster we made.„ Sie verband literarische Analyse mit modernen Nachhaltigkeitsdiskursen und verdeutlichte, wie der Stoff bis heute nachwirkt, etwa in Begriffen wie „Frankenfood„ oder zeitgenössischen Neuschreibungen.
Die Frankenstein-Führung im Deutschen Medizinhistorischen Museum (3. Mai) war sehr gut besucht und zeigte, wie angewandt-historisches Lernen funktioniert. Sigrid Billig machte die Lebenswelt des 18. und frühen 19. Jahrhunderts greifbar: die „Medizin der Balance„, die Bedeutung der Anatomie in Ingolstadt – Shelleys Wissensquelle – und die damalige Faszination für Elektrizität. Die Teilnehmenden verfolgten interessiert dem Vortrag, stellten zahlreiche Fragen und brachten eigene Gedanken ein, was die Führung zu einer gelungenen Ergänzung zur Ringvorlesung machte.
Ethik der Schöpfung – Parallelen zur KI

Prof. Dr. Eileen Hunt (Notre Dame) stellte in ihren beiden Vorträgen die zentrale Frage: „Playing God? Creation, Responsibility, and the Ethics of Making Intelligence.„ Sie analysierte, wie Victor Frankenstein durch mangelnde ethische Vorbereitung scheiterte – eine Parallele zu modernen KI-Entwickler*innen. Die anschließende Diskussion mit dem Publikum war intensiv: Teilnehmende fragten, ob Verantwortung für technologische Schöpfungen beim Einzelnen liegen kann oder kollektiv getragen werden muss – gerade angesichts aktueller KI-Entwicklungen ein brisant aktuelles Thema.
Beim STS-Talk „Mythen, Metaphern, Maschinen„, welcher ebenfalls Teil der Ringvorlesung war, verlagerte sich der Fokus auf die Sprache, mit der wir über KI sprechen. Prof. Dr. Norbert Paulo diskutierte mit KI-Forscherin Michaela Honauer, Philosophin Leonie Möck und Ars-Electronica-Leiter Gerfried Stocker: Wie prägen Narrative wie die „Black Box„ unser Verständnis? Welche Rolle spielen Kultur und Kunst beim Verstehen von Technik? Das Publikum folgte dieser kulturwissenschaftlichen Perspektive aufmerksam und es eröffneten sich neue Blickwinkel auf ein technisches Phänomen.
Verantwortung im Militärischen und darüber hinaus

Die abschließende Podiumsdiskussion mit Maximilian Harhausen von der Bundeswehr führte die Fragen in die Gegenwart: Wie funktioniert KI in Drohnensystemen? Wie bleibt Verantwortung gewahrt, wenn Systeme immer komplexer werden? Besonderes Interesse entstand dabei beim Thema „Verantwortung„: Das Publikum engagierte sich in intensiven Debatten und kritischer Diskussion. Deutlich wurde ein Konsens: „Human in the loop„ genügt nicht – wenn der Mensch nur noch abnickt. Echte Verantwortung verlangt Urteilskraft, Ausbildung, Nachvollziehbarkeit und politische Kontrolle. Die bleibende „Frankenstein-Frage„ lautete: Wie behalten wir Verantwortung für immer komplexere, teilweise undurchsichtige Systeme?
Fazit
Die Ringvorlesung gelang es, Frankenstein nicht als historische Fußnote zu behandeln, sondern als produktiven Gedankenraum für gegenwärtige Debatten. Der Roman eröffnete Fragen nach Schöpfung, Verantwortung, Natur und Hybris, die in der KI-Debatte brennend aktuell sind. Das sichtbare Publikumsinteresse – konstante Teilnehmer*innenzahlen, lebhafte Diskussionen, kritische Fragen – zeigt: Es interessiert, wie Literatur, Geschichte und Philosophie beim Verstehen technologischer Transformation helfen – und uns mahnen können.








